Angenehm unaufgeregt

Sehr geschätzter Herr van Kampen,

wie oft hört man die ewig gleiche Leier über den EU-Zirkus in Brüssel, in dem die Gurkenkrümmungsbürokraten für des armen Steuerzahlers Teuro sich die Bügelfalten nicht platt sitzen wollen, weil sie besseres zu tun haben und sich die Buttermilchfleischlandschaften ja auch alleine aufhäufen können. Und dass man sich die Gagen für die ganzen Politschauspieler ja auch sparen könnte, weil am Ende, nachdem einer von den Kleinen meckern durfte, Iron Angie und ihr Sarko die Zügel schon wieder anziehen werden.

Immer dann, wenn es um Europa geht, meinen viele  Journalisten sich eine extra Portion Häme genehmigen zu können. Denn 1. kommt es ohnehin nicht anders als es 2. die Ottonen wünschen und 3. wenn doch, war es von vornherein alternativlos. Bei der durchschnittlichen EU-Berichtverweigerung der Lustlosen fehlt mir oft vor lauter Langeweile die Lust mich aufzuregen. Und wahrscheinlich fiele mir das alles auch gar nicht weiter auf, hätte nicht jemand schon früh mein Interesse für die europäische Idee und die Versuche der Umsetzung[1] geweckt. So sehr ich mich schon früh in der Schule für Geschichte und Politik interessierte: meine Lehrer haben das nicht geschafft. Udo van Kampen schon[2].

Mit einer spürbaren Lust an den Themen und trotzdem immer gelassen, schaffen Sie es seit vielen Jahren offen zu legen, wie Europa politisch funktioniert und warum nicht. Sie haben den wirtschaftlichen Verstand, um die Zusammenhänge zu erläutern und genug Europa im Bauch, um unermüdlich immer wieder zu erklären, wie wichtig all das für unseren Alltag ist, was in Brüssel und Straßburg entschieden wird. Und obwohl mit der Machtfülle der EU auch Ihre journalistischen Aufgaben gewachsen sind, habe ich nicht einmal mitbekommen, dass Sie sich und Ihr Studio deswegen zu wichtig genommen hätten.

In der gestrigen heute-Sendung und im heute-journal haben Sie und Ihr Team über ein Thema, dass man locker als Eklat, Skandal oder ähnliches hätte verkaufen können, unaufgeregt informiert. Am Ende weiß der Zuschauer, was warum passiert ist und kennt den nötigen Hintergrund und die möglichen Konsequenzen. Und das ist bei heute auch oft nicht der Fall.

So darf Journalismus gerne öfter mal sein. Nicht, dass Sie meine Erwartungen an öffentlich-rechtliches Fernsehen übertroffen hätten.  Aber Sie gehören zu den wenigen, die sie seit Jahren erfüllen. Und dafür wollte ich mich bedanken.

Freut sich auf das nächste Stück:

Ihr VonFernSeher

  1. [1]und zwischendurch – beinahe so erfolgreich – für US-Politik
  2. [2]Ganz sicher ist das übrigens eine große Teamleistung.

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