BLW/553/c fragt: Halten Sie ein Hirn zum Empfang bereit?

Ich habe es versucht. Ich hatte wirklich keinen Fernseher, kein Radio, keinen Festnetzanschluss zuhause. Mit meinem Mobiltelefon konnte man nicht ins Internet und USB-Sticks für gewerbliches WLAN gab es höchstens gerüchteweise bei Heise. Man schrieb das Jahr 2003, da ich mir ein blassgelbes, ein dunkelgrünes und ein dreckrotes Antragsformular nahm, nachdem mich ein Brief der GEZ erreicht hatte.

Mit dem blassgelben Papier bin ich zur Stadt, morgens um 7:30 Uhr, reihte mich hinter den zwanzig ein, die wussten, dass die Türe schon immer ein paar Minuten früher aufmacht. Um 8:30 verließ ich das Gebäude mit der Erkenntnis, dass meine finanziellen Verhältnisse als Student zu niedrig seien. Davon könne man ja nicht leben, hatte man mir drinnen erzählt. Hurra, hatte ich zuerst noch gedacht, endlich sieht es mal jemand ein. Bis mir die stets freundliche Dame erklärte, meine Geschichte (meine Unterlagen) sei unglaubwürdig, denn – richtig – davon könne man ja nicht leben. Folglich sei auch keine Gebührenbefreiung möglich.

Das dunkelgrüne und das dreckrote Papier habe ich dann zusammen ausgefüllt und mit einem Brief nach Köln geschickt. Drin stand, dass ich aus dem Elternhaus in die Stadt gezogen und nicht willens war, Rundfunkgeräte zum Empfang bereit zu halten. Geld für einen Fernseher war ja eh nicht drin, Internet gab es an der Uni. Ein Jahr und viel Papier später war ich auf dem Weg zur Sparkasse, in der Tasche viel Geld von meiner Oma, der Stadtkasse zu übertragen. Wer geht schon gerne ins Gefängnis. Und dann habe ich mir einen gebrauchten Fernseher aus der Familie geliehen und einen Radiowecker gekauft.

Warum ich das alles erzähle? Nun, seitdem glaube ich nicht wirklich mehr an die grauen Herren, die durch die Fenster spieken und schauen, ob man nicht doch etwas zum Empfang bereit hält. Es geht ja auch ohne. Und noch weniger glaube ich an die armen Menschen, die zwar einen Fernseher haben, aber darauf nur private Sender schauen, im Radio nur das Beste aus den Achtzigern, Neunzigern und von heute hören und sich im Internet diszipliniert von allen öffentlich-rechtlichen Angeboten fernhalten. Mag sein, dass es ein paar gibt – ein paar graue Herren und ein paar Fusis (mit 17 Euro nicht wirklich reicher , aber geistig etwas ärmer) – aber die können nicht für alle unqualifizierten Artikel und Kommentare zum Thema zuständig sein. Schon eher glaube ich, dass ich es mit Scheinheiligkeit und Heuchelei zu tun habe. Und statt mit echter Empörung über die Haushaltsabgabe mit dem Wehklagen, dass man sich nicht mehr vorbeimogeln kann.

Das zur Erklärung, warum ich einen zwei Wochen alten Artikel bei Carta als erster kommentiert habe. Solidarität nehme ich nämlich persönlich. Und das Gegenteil erst recht:

Doch die Möglichkeit, etwas nutzen zu können, heißt noch lange nicht, dass dies auch genutzt wird.

Heiko Hilker

Womit wir wieder bei dem einzigen Argument der Gebührengegner sind, das es gibt und trotzdem keins ist. In einem solidarischen Gebilde zahlt man nämlich genau dafür: für die Möglichkeit. Das ist so bei der Rente, bei der Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung und auch bei den Rundfunkgebühren. Fußgänger bezahlen Autobahnen, Kinderlose Spielplätze und Nichtschwimmer Hallenbäder.

Wer also findet, dass Schwimmbäder großer Schwachsinn sind, kann sich bei seinem Gemeinderat dafür einsetzen, dass das eine vor Ort geschlossen wird. Und wer meint, öffentlich-rechtlicher Rundfunk sei überflüssig, der suche sich eine Mehrheit ihn abzuschaffen. Das Rumgehacke auf der GEZ dagegen ist und bleibt hirn- und zwecklos.

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