Deutsch für den Kenner {04}

Für den Luxemburger an sich stellt sich nicht die Frage der Politikverdrossenheit. Politik ist ein Teil des Lebens und muss – allein deshalb schon – auch Genüsse bieten. Und wer dreisprachig aufwächst, hat an sich schon bei der Gestaltung seiner Sprache mehr Bilder zur Verfügung. Es gibt immer Menschen, die können es noch ein bisschen besser als ihre Landsmänner. Jean-Claude Juncker ist so einer. Regelmäßig fährt er den Lenkern der europäischen Politik wie ein Expresszug über die Füße – und die bedanken sich für den frischen Wind. Es gibt hunderte Beispiele, ich fand es an der Zeit, es mal an einem festzumachen.

Im Interview für das heute-journal vom 27. diesen Monats [Video] wird er gefragt, ob er sich von Frau Merkel nicht übergangen fühle, wenn er als Leiter der Eurogruppe erst im Nachhinein telefonisch über ihre Pläne informiert würde. Er sagt:

Das auch, aber die Anrufe kamen später und sie waren flächendeckend freundlich.

So kann man es auch sagen. Deutschland ist ja auch – anders als Luxemburg – ein Flächenland. Die Antwort Junckers am Telefon wird wohl auch von nicht so flächendeckender, aber ausgesucht kleiner, zentrierter Freundlichkeit gewesen sein. Ich werde es tunlichst unterlassen, Herrn Juncker eine virtuelle Kennerbrosche anzustecken, ich sage nur:

Äddi a merci!

Nachtrag 30.10.2010:

Jean-Claude Juncker gab gestern auf Nachfrage zu verstehen, sein Verhältnis zu Angela Merkel sei in “keinerlei Weise” belastet.

Ich habe sie nur dieses Mal weniger umarmt als sonst, [Dramatugiepause] weil ich eine Erkältung habe und ich nicht wollte, dass, wenn Luxemburg niest, Deutschland den Schnupfen kriegt.

Ich bin nach einer halben Minute auf der Seite liegend wieder zu mir gekommen.

Kommentare zu "Deutsch für den Kenner {04}"

  1. Der Mann hat ja recht. Wenn in Luxemburg einer pupst, muss man es nicht in ganz Deutschland hören.

  2. Er pupst ja nicht, er niest. Und so wunderbar verschnupft reagieren kann halt nur einer.

    Und bei der finanzpolitischen Konstitution ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass das kleine Luxemburg nur einen Tee braucht, wenn das große, starke Deutschland schon mit Lungenentzündung auf der Intensivstation liegt.

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