Dumm-dumme Grenze

oder: Die Zusammenkunft von Diagrammen auf der Grundlage des Nichts

Werte heute-Redaktion,

wie die ganze Gefühlsduselei um zwanzig Jahre deutsche Einheit in einen sachlichen Beitrag verpacken? So könnte vielleicht die Aufgabenstellung für das gelautet haben, was Marietta Slomka im heute-journal vom 03.Oktober[1] als eine “Bestandsaufnahme von Andreas Postel” ankündigte. Sollte das eine Bestandsaufnahme Ihrer redaktionellen Befindlichkeit sein, tut es mir leid. Ehrlich. Aber von vorne.

Am dritten Oktober 1990 verschwand die deutsch-deutsche Grenze von den politischen Landkarten in Nachrichtensendungen, Atlanten oder Schulbüchern[2] Aber sichtbar ist sie auch zwanzig Jahre später noch, je nachdem, wie man die deutsche Landkarte betrachtet.

Je nachdem, genau. Und also betrachten Sie die Landkarte.

Schauen wir mit einer – sagen wir mal – statistischen Brille, mit einem Scanner der Zahlen, Daten und Prozente, dann plötzlich, ja dann ist sie wieder da, die alte Grenze.

Und so sieht Ihre Brille aus, inklusive Zahlen, Daten und Prozente:

Der sog. statistische Scanner West-Ost, ZDF heute journal 03.10.2010

Hitec. Und mit Spannung erwarte ich das erste detaillierte Ergebnis, dass diese Teufelsmaschine ausspucken wird, zum Beispiel, ja

Zum Beispiel hier bei der Verteilung der Daxunternehmen.

Na gut, wo die sich zentrieren, wusste ich ja schon vorher, die treten ja doch vermehrt in Ballungszentren auf.

Darstellung der Verteilung der DAX-Unternehmen West-Ost, ZDF heute journal 03.10.2010

Da muss ich mich wohl schwer vertan haben. Ganz eindeutig verteilen sich die DAX-Unternehmen flächendeckend auf die alten Bundesländer und Westberlin [3]. Jetzt muss aber noch jemand schleunigst diese erhellende Erkenntnis an die DAX-Unternehmen selber weiterleiten. BMW weiß wahrscheinlich noch gar nicht, dass sie die Kosten für das Werk in Leipzig einsparen können und dafür besser mehr im Saarland und auf den Halligen investieren. Wahnsinn, aber auf zur nächsten Grafik.

Auch kein Vorstandsmitglied aus dem DAX kommt aus dem Osten. Und überhaupt, zwei Drittel aller Führungskräfte in den ostdeutschen Bundesländern sind Westdeutsche.

Darstellung der Provinienz der Führungskräfte West-Ost, ZDF heute journal 03.10.2010

Hier haben Sie mich verloren. Dass Führungskräfte für DAX-Unternehmen aus dem Osten ausgestorben sind, das signalisiert ja noch ganz gut die rote Signalfarbe (wie bei der roten Liste, sozusagen). Aber wo sind denn jetzt die zwei Drittel westdeutsche Führungskräfte in Ostdeutschland? Auf Heimaturlaub? Im Meeting? Und haben die “Zahlen, Daten und Prozente” mitgenommen, für ihre Powerpoints?

Aber genug nachgedacht, geht ja auch schon weiter:

Schauen wir auf die Arbeitslosenquote, ein seit zwanzig Jahren bedrückender Unterschied. Auch hier zeigt sich die Grenze. Doch es scheint sich etwas zu tun.

Darstellung der Arbeitslosenquote West-Ost, ZDF heute journal 03.10.2010

Scharf erfasst, es scheint sich etwas zu tun. Die Farbe wechselt! Und außerdem scheinen die uns vor kurzem noch so bedrückenden Beschäftigungsprobleme im Saarland und dem Hunsrück, im Ruhrpott und an der Nordseeküste schlagartig gelöst! Leider haben sich damit die Probleme wohl in den Spreewald verlagert. Wenn Sie es mir nicht erzählt hätten, wäre das glatt an mir vorbeigegangen.

Es geht aber in erster Linie nicht darum, Defizite im Osten zu suchen.

Nein, ist klar. Wer käme denn auf so etwas?! Ich harre der Dinge, die da kommen.

Schauen wir zum Beispiel auf die Kita-Betreuung der Unter-drei-Jährigen, dann zeigen sich auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung bedauerliche Schwachpunkte in den alten Bundesländern.

Darstellung der Kitabetreuung für Unter-drei-Jährige West-Ost, ZDF heute journal 03.10.2010

Richtig, aber von Punkten kann ja wohl keine Rede sein. Schwachflächen! Nullversorgung! Dagegen gibt es in Brandenburg anscheinend sogar Betreuungsangebote für Wolfsrudel.

Unsere Suche nach der innerdeutschen Grenze könnten wir eine Weile so weitertreiben, bei der Prokopfverschuldung, der Sparquote, der konfessionellen Bindung, der Lebenserwartung.

Bitte nicht! Erklären Sie mir doch lieber, warum es in Ihrem Scanner einzelne Bundesländer und irgendwelche Quadranten gibt, dies sich aber keinen Deut auf Ihre Diagramme auswirkt.

Darstellung des "uneinig geeinten" Deutschlands, ZDF heute journal 03.10.2010

Deutschland ist nach zwei Jahrzehnten ein uneinig geeintes deutsches Land. Es geht nicht um Spaltung von Ost und West, sondern, so sagt es Jana Hensel[4], vielleicht um eine Zusammenkunft beider Teile auf der Grundlage von Unterschieden.

Und weil der durchschnittliche ZDF-Zuschauer sich das nicht so richtig vorstellen kann, gibt es auch dafür noch eine Grafik:

Darstellung des des jetzt doch irgendwie geeinten Deutschlands, ZDF heute journal 03.10.2010

Wer hätte gedacht, dass so die aussagekräftigste und seriöseste Grafik eines ZDF-Nachrichteneinspielers aussieht. Und das kann man in letzter Zeit leider nicht mehr als Ausrutscher werten. Warum ich Ihnen das alles schreibe? Nun, ich möchte Sie freundlichst bitten, mir mitzuteilen, wann die Umstellung von Deutschlands renommiertestem Nachrichtenjournal zur Boulevardschau fertiggestellt sein wird. Und ob sich der Name ändert (wie wären heute im Spiegel, Echo von heute, heute-revue, Journal mit Herz, heute im Glück oder Das Goldene Heute?). Sagen Sie mir einfach kurz bescheid, ich kann die tägliche halbe Stunde gut gebrauchen.

In Grenzen enttäuscht,

Ihr VonFernSeher


  1. [1]ab ca. 3:40, Einspieler ohne Anmoderation hier
  2. [2]Das ist glücklicherweise nur in der heute-Redaktion so. Sowohl mein Atlas wie auch meine Geschichts- und Sozialkundebücher (alle 1993 oder später hrsg.) besitzen noch politisch geordnete Karten aus der Zeit vor der Wende.
  3. [3]oder aber flächendeckend nur auf die neuen Bundesländer und Ostberlin, eine Beschriftung wird nicht angeboten. Ich habe mich dann aber doch für die wahrscheinlichere Variante entschieden, wobei dies wieder der rosaroten Karte widerspricht, wo blaß für viel steht. Lassen wir das.
  4. [4]Ob Jana Hensel das gesagt hat, weiß ich nicht. Das sagt sie aber im Einpieler (O-Ton ab 6:46):

Ich glaube, wir haben noch gar nicht angefangen den Osten zu betrachten. Wir beschäftigen uns immer noch mit der DDR. Oder wir glauben, wir müssten uns mit der DDR beschäftigen, um den Osten zu verstehen. Das ist nur ein Teil der Erfahrungen. Wir sollten endlich beginnen die Gegenwart zu sehen.

  1. Hätte man doch mal auf sie gehört.

Verlinkt bei:

  1. ZDF heuchel journal - VonFernSeher am 05 Mrz 2011 um 9:36 am

    [...] bin enttäuscht, hatte ich Sie doch gebeten mir bescheid zu geben wenn die Umwandlung des einst renommiertesten Nachrichtenjournals in eine Boulevardsendung [...]

Kommentare zu "Dumm-dumme Grenze"

  1. Da hat sich ja mal jemand ordentlich Mühe gegeben beim verständlichen Visualisieren von “Zahlen, Daten und Prozenten”. Man könnte schön drüber lachen, wenns nicht so traurig wäre…

  2. Wirklich unglaublich. Schön, dass endlich mal einer solche Dinge aufklärt :-) Macht weiter so!

Kommentar schreiben

Kommentare von nichtregistrierten Benutzern werden grundsätzlich moderiert. Bitte haben Sie Verständnis, dass dies eine Weile dauern kann. Beachten Sie dabei auch den Zeitunterschied; alle Uhrzeiten werden als GMT-5 angezeigt.
Mit dem Ausfüllen und Abschicken des Kommentarformulars erklären Sie sich einverstanden, dass Ihre Kommentare durch die Erweiterung Akismet überprüft werden. Dies macht eine Weitergabe der Daten an die Automattic Inc., den Anbieter von Akismet, notwendig; mehr erfahren Sie hier.

Die E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt. Felder mit * müssen ausgefüllt werden.

*

*