Familie Sorglos zieht um

oder: Wie die Trolle den Wald verließen

Herr Sorglos, stolzer Besitzer eines Einfamilienhauses und Abteilungsleiter bei einem Plastikgranulathersteller, hat eine Frau. Die hat bald Geburtstag und sich mal was anderes gewünscht. Also geht Herr Sorglos zu “Hygienewaren Bruckmann”, einem lang ansässigen Erotikladen. Während er etwas verdruckst durch die Regalfluchten schleicht, beeilt sich eine Verkäuferin ihm zu versichern, er bräuchte doch keine Angst zu haben, hier würde alles absolut diskret behandelt. Herr Sorglos überwindet schließlich seine Scham und findet auch tatsächlich einige Produkte, die ihm gefallen. Mit einer prall gefüllten Spielzeugtüte geht er heimwärts.

Ein paar Tage später erfährt Herr Sorglos von einem guten Freund, dass in eben diesem Erotikladen eine Liste ausliege, die alle Artikel aufliste, die Personen unter der Angabe von Sorgloses Adresse eingekauft haben. Herr Sorglos beichtet seinem guten Freund, was er alles gekauft hat und erfährt darauf von diesem, das könnten ja maximal zehn Prozent der Artikel auf der Liste sein.

Ein jetzt sehr besorgter Herr Sorglos begibt sich noch einmal in das Geschäft, wo er freundlich mit der Bemerkung begrüßt wird, die Liste seiner Einkäufe hätte zu einer wahren Umsatzexplosion geführt, schließlich wollten jetzt alle die Artikel kaufen, die ein so erfahrener Benutzer wie er schon habe. Verunsichert fleht er die Verkäuferin an, sie müsse doch wissen, dass er nur ein einziges Mal da gewesen sei und dass die anderen Einkäufe nicht seine seien. Er könne sich aber vielleicht vorstellen, wer das sei, es gäbe in seiner Nachbarschaft durchaus ein paar Lausbuben mit zu viel Taschengeld. Er verspricht, sie einmal ordentlich in die Mangel zu nehmen. Die Verkäuferin erwidert, sie könne das natürlich nicht nachvollziehen, ob jetzt andere mit seiner Adresse oder er unter anderen Namen die Sachen gekauft hätten, auf der Liste stehe ja auch nicht sein Name, sondern seine Anschrift, was er denn wolle.

Aufgekratzt begibt sich Herr Sorglos auf den Heimweg. Kurz vor der Haustüre ändert er seine Meinung, klingelt bei den Nachbarn und fragt die nette Frau Haase, ob denn auch die beiden Söhne zuhause seien. Nein, Max und Moritz seien noch beim Fußball, ob sie etwas ausrichten könne. Herr Sorglos bittet um Einlass. Bei einer stärkenden Tasse Kaffee, die Frau Haase stets für jeden bereithält, nimmt er sein Herz in die Hand und erzählt die ganze Geschichte. Die nette Frau Haase reagiert offen und verspricht, mal in den Zimmern der Jungs nachzusehen. Sie wisse schon, wo die feinen Herren ihre Klapphefte versteckt hielten. Nach einer Viertelstunde kommt sie zurück und hat einen wahren Schatz gehoben, oben darauf die letzte Rechnung mit der Hausnummer von nebenan. Sie entschuldigt sich wortreich bei Herrn Sorglos und verspricht, Max und Moritz die Leviten zu lesen und für mindestens drei Monate das Taschengeld zu streichen. Ob er die ganze Sache bitte für sich behalten könne, er wisse doch, wie prüde der Direktor des städtischen Gymnasiums sei. Herr Sorglos versteht das, seine Kleinste sei in der selben Stufe. Außerdem wolle er ja nicht seiner Frau die Überraschung verderben.

Am nächsten Morgen steht Herr Sorglos wieder bei “Hygienewaren Bruckmann” auf der Matte. Er habe die beiden Verantwortlichen gefunden und ein Versprechen, dass das aufhöre, sagt er. Und er wolle jetzt den Chef sprechen, die Liste müsse weg. Die Verkäuferin zeigt gelassen auf ein Schild neben der Liste, drauf steht, diese Artikel hätten Personen unter der Angabe derselben Adresse gekauft. Herr Sorglos wohne dort. Ob er Herr Sorglos die Artikel selbst gekauft habe, könne man zwar nicht sagen, aber er sei ja auch schon woanders durch anzügliche Bemerkungen aufgefallen. Herr Sorglos stockt der Atem, er weiß nicht mehr, was er sagen soll.

Einige umstehende Käufer schalten sich ein und ergreifen für Herrn Sorglos Partei. Man könne schließlich nicht wissen, wer die Artikel tatsächlich gekauft habe. Andere Kunden wiederum sind der festen Überzeugung, wer so argumentiere, müsse ein Freund von Herrn Sorglos sein. Ein gewisser Herr Neukorn munkelt, vielleicht habe Sorglos ihnen ja auch heimlich Geld zugesteckt. Die Indizien seien jedenfalls eindeutig, man könne ja wohl noch lesen. Währenddessen hat ein anderer Erotikhändler, Herr Luhse, den Laden betreten. Er wundert sich über den Tumult und lässt sich ins Bilde setzen. Spontan geht er zu einem der Verteidiger und fragt ihn leise, ob er denn tatsächlich Sorglos kenne oder Geld von ihm zugesteckt bekommen habe. Ihm könne er es doch sagen. Der Angesprochene, Herr von Anderswo, antwortet belustigt, er sei gar nicht von hier, wohne in der Nachbarstadt und käme ab und zu hier vorbei, ihm sei es mehr ums Prinzip gegangen, er habe ja auch Zeit, er sei nur zum Bummeln hier. Das dürften aber gerne auch die anderen wissen, er sei sowieso der einzige mit dem Nummernschild auf dem Parkplatz. Also wendet sich Herr Luhse an die Streithähne und erklärt, was er von Herrn von Anderswo erfahren hat und ob es in Anbetracht des Beispiels nicht fair wäre, Vorurteile außen vor zu lassen. Herr Neukorn sieht das anders, Herr von Anderswo solle doch erst den Schlüssel zu seinem Auto zeigen, er glaube ihm nicht. Andererseits habe er aber auch jetzt keine Lust mit ihm auf den Parkplatz zu laufen. Es regne.

Nach einem langen, lauten Hin und Her ziehen sich schließlich zwei Lager zurück. Die einen, die sich zwischen die Unterwäsche geschlagen haben, sehen die Berufsehre von Herrn Bruckmann in Gefahr und manch einer meint sich an den letzten Zeitungsbericht zu erinnern, in dem von der örtlichen Gewerbevereinssitzung berichtet wurde, auf der Herr Bruckmann sich furchtbar über den Kundendienst der großen Versandhausketten aufgeregt habe.

In der Videoecke stehen die anderen. Sie sehen Herrn Sorglos in der Pflicht, er hätte ja ab und zu anrufen können und nachfragen, wer so unter seiner Adresse hier einkaufe. Wenn er mit seinen Nachbarn nicht klar käme, sei das doch nicht das Problem von Herrn Bruckmann. Außerdem wisse man inzwischen, dass Herr Sorglos in der Kunststoffbranche sei und die Gerätschaften hier nunmal – auch das wisse man aus sicherer Quelle – alle aus Plastik der Konkurrenz hergestellt seien. Das habe er wissen müssen, warum er denn trotzdem hierhin zum Einkaufen käme. Und er solle sich nicht so anstellen, es sei nicht 1950, warum er sich denn so geniere. Herr Neukorn ist auch dabei, er verteilt Visitenkarten. Unter dem Logo der Firma und seinem Namen ist zu lesen: Dr-Ing, Vorstand Spritzgussmaschinen.

Kommentare zu "Familie Sorglos zieht um"

  1. die quintessenz aus der geschicht:
    Trau keinem Sexshop nicht.
    Gehe ohne dort einzutreten auf die Schloßstr.

  2. …beten.

  3. Falls Sie sich in der Analogie befinden, finde ich das eine traurige Schlussfolgerung. Sie waren doch auch hier. ;)

    • Kleiner Nachtrag:


    Neben DuMont Schauberg steht jetzt offenbar auch noch die GEMA bei mir in der Kreide.
    Ich werde aber erst einmal abwarten, ob sich vielleicht noch etwas ergibt und dann die Rechnungen im Paket nach Deutschland schicken. DHL ist hier so teuer.

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