Mindestens haftbar bis: siehe Tellerrand

Unter Stefan Niggemeiers Artikel “Vergessen und vergessen machen” ist eine lebhafte (um nicht auch noch fruchtbare schreiben zu müssen) Diskussion enstanden, ob – und wenn ja: wann – man Journalisten ihre Fehler vergessen und/oder vergeben sollte. Mittlerweile wird es immer abstrakter und weltanschaulicher, aber das macht es nicht uninteressanter, da sich die meisten zielführend verhalten[1]. Aber sehen Sie doch selbst.

Mein erster Kommentar befindet sich noch immer in der Warteschleife wurde schließlich knappe hundert Kommentare später aus der Warteschleife (vermutlich aufgrund des pöhsen[2] Wortes “Pornokarriere”) befreit, also solange einfach zwischen dem und dem gedanklich einfügen zeitlich gehört er eigentlich zwischen diesen und jenen dazwischen.

@Stefan Niggemeier #80
Wenn es aber doch gar nicht um den persönlichen Pranger für diesen Menschen geht, das Vergehen eher für den Auftraggeber als den Ausführenden typisch ist und der Ausführende auch keine wichtige Person im Zeitgeschehen ist, warum genau sollte jetzt noch der Name der Person entscheidend für die Güte des Artikels sein? Ich (das sagt sich ja leicht) hätte wohl die Abwägung anders getroffen.

Ich habe mich sehr ausführlich mit Mayer-Schönbergers Theorien beschäftigt und muss feststellen, dass bei der Darstellung eine unzulässige Vermengung stattgefunden hat (das ist aber durchaus in der Presse häufiger geschehen). M.-S. argumentiert eben gerade damit, dass das Zusammentreffen dessen, dass es technisch möglich ist, nicht mehr vergessen zu müssen (Speicher kann schneller wachsen als Inhalt), und überall und jederzeit auf den Speicher zugreifen zu können, es notwendig macht, ein Verfallsdatum zu konstruieren (das vorher ja determiniert war).

Er sagt damit nicht, dass Netze, nur weil sie es sich „leisten könnten”, auch tatsächlich nicht vergessen. Nur findet das Vergessen selektiv und nicht mehr strukturell statt. Ist der Speicher begrenzt, wird eine bewusste Auswahl getroffen werden, bei der Relevanz eine wichtige Größe ist. Ist der Speicher nie notwendigerweise voll, wird nicht nach Relevanz vergessen, sondern eher übersehen.

Im Web erfahren oft nicht die Ereignisse mit der größten gesellschaftlichen Relevanz die meiste Aufmerksamkeit, sondern besondere Beben (die oft durch Nichtigkeiten ausgelöst werden) ebben auch im Speicher sichtbar ab. Die Webgemeinde erinnert also nicht immer alles Relevante, sondern nur das Relevante, das auch einen Buzz auslöste – und umgekehrt.

Das trifft auch auf Fehlverhalten zu. Während manche Jugendsünden aus dem Bereich Boulevard scheinbar ewig leben, gehen kapitale Verbrechen unter (ich weiß von den Pornokarrieren von Schauspielerinnen, von denen ich noch keinen einzigen Film gesehen habe).

Ich finde, man sollte sich etwas an den Verjährungsfristen für Straftaten orientieren (nicht absolut, sondern in Vielfachen/Größenordnungen denkend). Ich empfinde das Plagiat eines Artikels durch einen Menschen, der täglich Artikel schreibt, als – wenn einmalig – eher mindere Verfehlung im Kanon. Genauso sehe ich das mit der möglichen Beihilfe zum Betrug, die Call-In-Moderatoren oder Call-Center-Mitarbeiter begangen haben könnten. Mit den großen Betrügern gehen wir in den Medien beim Vergessen jedenfalls leichter um.

Konkret dieser Journalist ist sich doch offensichtlich seines Fehltritts bewusst, er hat die Tat (wohl zu recht) bereut und ist in eigener Währung bestraft worden. Der gesellschaftliche Auftrag der Wiedereingliederung scheint doch geglückt (auch wenn man sich streiten könnte, wem der hier verliehen wurde). Das zumindest scheint mir, Herr Niggemeier, auch Ihre Meinung zu sein. Gehört es nicht zum Geist des Pressekodexes, dass es bei Verfehlung einen Grund zur Identifizierung des Missetäters geben muss und dass dieser Grund auch nachträglich entfallen kann? Ich sehe keinen Grund, warum das nicht auch für Ihre Kollegen gelten sollte.

Don Dahlmann hat bereits gestern sehr schön darüber sinniert, was Vergeben und Vergessen bedeutet, wenn es von der kapazitären zur gesellschaftlichen Notwendigkeit wird.


  1. [1]Der einzige Makel, wie oft bei so etwas: Es fehlen eindeutig dunkle Holztöne, schlechtes Licht und ein Zapfhahn
  2. [2]kommt bei mir genausowenig auf den Index wie Gutmensch

Kommentare zu "Mindestens haftbar bis: siehe Tellerrand"

  1. Der große Betrüger wird ebenso wenig vergessen, wie der Kleine. Der große Betrüger heuert bloß einfach bei der nächsten Bank an und wird genommen.

    Und ich bin nicht sicher, ob konkret dieser Journalist die Tat bereut. Darüber steht ja auch nix bei SN. Sicher ist nur, dass der Journalist den Fehltritt gerne aus dem Netz hätte. Der Rest sind Vermutungen.

  2. Ich bin mir da auch nicht sicher. Ich kann ja auch nur das glauben, was berichtet wird. Ich würde es bereuen, wenn ich noch zwei Jahre danach Schwierigkeiten dadurch hätte.
    Der Fehltritt selbst wäre ja nicht aus dem Netz, wenn man zum Beispiel ab sofort den Namen durch Initialen abkürzen würde. Nur die Position des Fehltritts in der Googlesuche nach seinem Namen würde sich nach und nach verschieben. Das ist doch ein absolut menschliches Anliegen.

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