Mir ist schlecht.

Herr Broder!

Fast hätte ich diese Preisverleihung doch glatt wohlwollend übersehen, galt es doch einen Mann mit einer Medaille zu ehren, deren Preis er schon besitzt und der wahrscheinlich auch sonst keinerlei Extrabestätigung bedarf, er sei eines Preises würdig.

Fast. Dann habe ich mir das Ganze doch noch angetan. Fast hätte man mich auch erfolgreich mit Schmidt und Gottschalk eingelullt, doch ihre negativ merkwürdige Aneinanderreihung von zynischen Selbstherrlichkeiten und geschmacklichen Entgleisung brachte mich zurück.

Ich will mich gar nicht, wie einige Kommentatoren auf den Spiegelseiten, lang über Ihren einer Rede auf einen Literaturpapst (ihre Worte) unzureichenden Stil beschweren. Vielmehr ekeln mich Inhalt und Verpackung in ihrer Gesamtheit und im Detail zutiefst an.

Haben Sie sich nicht wenigstens ein bisschen verkommen gefühlt, als Sie zur nachgereichten Geburtstagsfeier eines Literaturkritikers mit einer Rede auffuhren, die selbst der israelische Verteidigungsminister nicht mit Handschuhen angefasst hätte? Ist Ihnen jedes widerwärtige Mittel und jede Konsequenz recht, wenn Sie bloß ein wenig für Ihre Profilierung und die Sache, mit der Sie sich schon vor langem gemein gemacht haben, abgreifen können? Und glauben Sie, dass Sie mittlerweile mit so etwas davonkommen, da die meisten schon betroffen schweigen werden und Sie den Rest ja notfalls noch als Antisemiten betiteln können?

Für das Feuilleton, ihre kleine Welt, in der Sie analog zu Reich-Ranicki und der deutschen Literatur zu leben glauben, hat dies ja auch funktioniert. Neben ihrer platzierten Provokation “Verglichen mit dem Warschauer Ghetto ist Gaza ein Club Med.” ist dort nicht viel hängengeblieben. Ihre perfide Verdrehung von Tatsachen sowie die Vereinnahmung von Persönlichkeiten, die nicht im Entferntesten für ihre krude Sicht der Dinge stehen, werden dort nicht erwähnt.

Nachdem Sie nämlich mit dem Vergleich eines humanitären Notstandsgebietes mit einer Ferienanlage erst einmal Feuer gelegt haben, machen Sie erprobt Wind, indem sie die Delegitimierung der israelischen Politik den Palästinensern in die Schuhe schieben und von einer “zweiten Endlösung” faseln. Alsbald, freut sich Ihr Gesicht, wird sich der Brandstifter im Schein der Flammen sonnen können.

Wiederholt beschreiben Sie, sie zitterten vor Kühnheit. Einer der wortführenden Polemiker und umstrittensten Publizisten Deutschlands zittert, auf einem steinernen Podest in der Paulskirche, vor Kühnheit? Bitte, das kauft Ihnen doch nicht einmal der Papst, Ihrer oder welcher auch immer, ab.

Mir kam es eher so vor, als könnten Sie vor lauter Eifer- und Arroganzschwellungen nur nicht mehr ruhig stehen. Wie ein kleiner Schuljunge wippten Sie von einem Bein auf das andere und konnten es nicht erwarten, dass sich der Lehrer, der schon ihre Vorfahren gepiesackt hatte, nun endlich auf den nassen Schwamm setze; nur um enttäuscht festzustellen, dass er den Schwamm aufgehoben und begonnen hatte, voller Hingabe das Kreidewasser zu trinken. So malt man Bilder, Herr Broder. Setzen, sechs.

Ihre Rede war eine Missachtung der Person, des Ortes und des Themas. Glücklicherweise erreichen Sie und ihre geistigen Komplizen keinesfalls die jüngeren Generationen in Deutschland. Bildung und Recherche bewahren uns davor, der vernichtenden Logik eines solchen Gedankengutes zu folgen.

Verachtungsvoll,

Marcel Michels

Kommentare zu "Mir ist schlecht."

  1. Mein Kommentar auf FAZ.net:

    Broder gehts immer

    Abgesehen davon, dass Herr Broder aus einem bis dahin recht gelungenen Amüsierstück für die Kaffeetafel eine Niveauflunder gemacht hat und damit dem Jubilar seine Ehrung verweigerte, hat er im Vorbeireden noch seine eigene Messlatte in Sachen Perfidität höher gelegt. Das ist allerdings wahrlich eine sportliche Leistung.
    Ich finde es beschämend wie sich das Feuilleton um eine Bewertung drückt. Wenn also die bezahlten Damen und Herren nicht nachkommen, müssen Leser und Zuschauer selbst das Wort ergreifen und die Feder spitzen. Dabei darf ruhig in gleicher Währung zurückgezahlt werden; um Verständnis Suchende werden von ihm nämlich eher enttäuscht sein als jene, die sich Luft machen müssen. So wie ich:
    [URL]
    Ich kann nur dazu auffordern ihn anzuschreiben. Er scheint es von sich abzuwischen als wäre nichts gewesen; dies ist allerdings nur der Schein, denn ein solcher Egomane definiert sich immer von außen nach innen.

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