Nachgehakt: Tolle Farben.

Liebes Frontal-21-Team,

nach dem Beitrag “Kampf ums Gymnasium” aus Ihrer Sendung vom 20.04.2010 blieben bei mir ein paar Fragen offen.

Dabei plagen mich kaum Gewissensbisse als ehemaliger Gymnasiast mit altsprachlicher und musikalischer Bildung den Hauptschülern etwas von jener entrissen zu haben, versteigt sich Ihr Beitrag doch in der Annahme, mit etwas weniger Altgriechisch und Chorunterricht wäre etwas mehr für die anderen geblieben. Das mag auf die vielbemühten Kuchen zutreffen, Bildung allerdings verringert sich nicht dadurch, dass man sich ein Stück abschneidet.

Vielmehr plagen mich Zweifel, ob ihre Darstellung der Situation in Europa einer Betrachtung durch Menschen, die sagen wir zumindest ein einziges Mal in 12, 13 Jahren Geographie ein “ausreichend” erringen konnten, ob also ihre Grafik für diese 45 Sekunden dem Blick eines Durchschnittszuschauers standhält:

Bild 1, Ausschnitt aus Frontal 21, ZDF vom 20.04.2010

Bild 1, Ausschnitt aus Frontal 21, ZDF vom 20.04.2010

Grün auf blau zeigen Sie auf der Europakarte scheinbar deutlich, wie isoliert Deutschland – na ja gut – und Österreich (rot) auf dem Kontinent dastehen mit ihrer Entscheidung, Schulkinder schon mit 10 Jahren auf ein gegliedertes Schulsystem zu verteilen. Von Irland bis Rumänien, von Portugal bis nach Estland, so soll uns diese Karte glauben machen,  lernen junge Europäer bis zum Alter von 15 oder 16 Jahren gemeinsam. Oder aber doch zumindest bis 11 oder 14, bei den Niederländern, Italienern und Türken – aber die kommen mit einem gelben Auge davon.

Obwohl mir neben dem Schulchor das zweite elitäre Standbein Altgriechisch fehlt (es wollten sich außer mir leider nur zwei andere Eifeler Arbeiter- und Bauernkinder am gebeutelten Schulsystem vergehen), ist es mir ohne weiteres aufgefallen, dass Griechenland im nicht ganz subtilen Ampelfarbenspiel fehlt. Und Polen. Und Belgien, Ungarn, Großbritannien oder auch Dänemark:

Bild 1a

Bild 1a: Alle "vergessenen" Länder sind mal weiß markiert.

Genau genommen zeigt die Grafik Ergebnisse für 20 von über 40 relevanten Ländern an. Sie zeigt grün für 11 von 27  EU-Staaten. Oder auch anders: Sie berücksichtigt ca. 150 von 500 Millionen EU-Einwohnern gar nicht, will aber weismachen, 170 Millionen bildeten die (grüne) Mehrheit. Das allein Deutschland und Österreich zusammen auf deutlich über 90 Millionen Einwohner kommen, scheint nicht weiter zu stören.

Dabei hätten zum Beispiel Griechenland und Polen sich nach nicht allzu schwieriger Recherche als gelbe Kandidaten herausgestellt; Polen macht einen herrlich großen Fleck auf so einer Karte.[1] Großbritannien müsste man (trotz sechs bis sieben Jahren gemeinsamen Lernens) noch etwas dunkler rot färben als Deutschland, gibt es im komplizierten Bildungssystem dort doch sogar Schulen, die schon mit acht bis neun Jahren auf unterschiedliche Middle Schools entlassen. Ähnliches gilt für die Schweiz (bei Ihnen grün), mit Glück würde es die Schweiz in den gelben Bereich schaffen, beginnt im deutschsprachigen Teil doch das weitgehend mit Deutschland identische System ein Jahr später; die Grundschule endet also mit 11 statt mit 10 Jahren.

Zugegeben, bei manchem Land dauert es etwas herauszufinden, welcher Schultyp der maßgebliche ist, länger als eine Viertelstunde habe ich aber selbst bei Estland und Bosnien-Herzegowina nicht gebraucht. Einzig die Zustände in Albanien und Zypern haben sich mir nicht erschließen wollen, aber mit diesen blauen Fleckchen hätten Ihre Zuschauer wohl leben können.

border: 1px solid grey; margin: 10px 20px 20px 0px;

Bild 2 zeigt eine Annäherung, wie eine solche Karte wohl aussähe, versuchte man halbwegs ehrlich zu informieren.

Bild 3

Bild 3 stellt zum Vergleich die Trennung nach Schuljahren dar. "Gewinner" einer solchen Darstellung sind die Niederlande und Italien, "Verlierer" ist die Schweiz.

[2]

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin durchaus ernsthaft von den Argumenten für längeres gemeinsames Lernen überzeugt. Ich sehe den Missstand, habe ihn erfahren. Nur: Durch Ihren Beitrag und diese Grafik hätten Sie mich bestimmt nicht überzeugt. Und so wirft alles das folgende Fragen auf:

  1. Warum verbreiten Sie (gegen hoffentlich besseres Wissen) eine solche Darstellung? Wem, denken Sie, nutzt das?
  2. Wie kam die Auswahl der Länder zustande? Gibt es dafür objektiv nachvollziehbare Gründe? Beziehen Sie sich auf Studien, die Sie im Beitrag nicht erwähnen?
  3. Sind Sie jetzt immer noch der Meinung, das absolute Alter wäre ein tolles Kriterium für eine solche Grafik?
  4. Warum wählen Sie solch ungleiche Abstufungen (15-16, 11-14, 10)? Sind Sie wirklich der Meinung, eine Trennung mit 14 Jahren wäre einer mit elf eher zu vergleichen als jener mit 15? Oder als zehn mit elf? Auf welche Quellen/Grundlagen beziehen Sie Ihre Abstufung?

Ich bitte Sie, sich dazu durchzuringen diese Darstellung noch einmal zu überdenken. Vielleicht kommen Sie dann wie ich auch zu dem Schluss, dass hier eine Klarstellung nötig ist. Wie heißt es doch so schön: Um Antwort wird gebeten.

Nachtrag 27.04.2010 11:00 Uhr Panama, 18 Uhr europäische Sommerzeit:

Birte Meier von Frontal 21 hat mir inzwischen geantwortet. Der Diskurs läuft, ich bin überrascht. Nicht, dass ich das Frontal 21 nicht zugetraut hätte, ich bin es nur von den anderen nicht gewohnt. Auch habe ich daraufhin angefragt, ob ich die Anwort veröffentlichen darf oder Frau Meier ersatzweise sich hier äußern möchte.

Nachtrag 29.04.2010 20:38 Uhr

Birte Meier genehmigt freundlicherweise die Veröffentlichung, erbittet sie sich aber im Volltext. Da habe ich gar nichts gegen, muss das dann aber wegen der Länge hierhin auslagern.


Alle Annahmen wurden “pessimistisch” getroffen, d.h. es wurde davon ausgegangen, dass sog. bildungsnahe Familien die erste Möglichkeit nutzen, ihre Kinder von jenen der sog. Bildungsfernen zu trennen.

Dies wirkt sich vor allem hier aus:

  1. [1]Rein theoretisch besuchen alle Polen nach 1999 ein einheitliches Gymnasium, allerdings entscheidet die Schule über die Zulassung.
  2. [2]In der Schweiz gibt es in manchen Teilen ein dem deutschen vergleichbares System; in anderen Landesteilen gibt es Systeme, die mehr dem französischen oder dem italienischen entsprechen.

Erste Quellen: Deutsche, englische und spanische Wikipedia
Zweite Quellen: Informationen der zuständigen Ministerien (Belgien, Bosnien, Estland), Auswärtiges Amt, International Association of Universities (IAU), euroeducation.net

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