Peer (63): “Ich gehe aufstocken.”

Eigentlich missfällt es mir gleich allen Menschen einer ganzen Nation eine bestimmte Charaktereigenschaft zuzuweisen, deshalb will ich es einmal so ausdrücken: Mit dem Blick aus der Ferne reift in mir immer mehr die verdrängte Erkenntnis, die Anzahl der Neidhammel könnte unter den Deutschen überdurchschnittlich hoch sein[1].

Diese Neidhammel verlachen die Franzosen, wenn diese für die Rente mit 60 kämpfen, während sie selbst sich die 67 haben aufschwätzen lassen. Sie mutmaßen, wenn ein Einwanderer sich erdreistet ein Haus zu bauen, das habe ihm wohl der Staat finanziert, kämpfen aber bis zum letzten Mann für die Eigenheimzulage. Und sie regen sich über die im Vergleich so hohen Gehälter der Politiker und Manager auf, schimpfen aber über jede ausgefallene S-Bahn, wenn sich die Gewerkschaften aufmachen, etwas mehr der Kapitaleinkünfte in sozialabgabenpflichtige Gehälter zu schieben. Dem Franzosen und dem Einwanderer mag es egal sein, “die da oben” aber freuen sich über soviel Naivität. Wer seine Energie auf Stammtischniveau abarbeitet, hat nämlich keine mehr wenn es darauf ankommt.

Meine Antwort auf “Niedriglohnsektor ufert aus” von Roberto J. De Lapuente (ad sinistram), ein Gastbeitrag bei …Kaffee bei mir?:

Schön, dass Sie sich aufgeregt haben. Wenn Sie demnächst mit etwas Abstand auf Ihren Text schauen, werden Sie sich vielleicht auch fragen, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ich greife mal vor: gar nichts.

Gut, dass sich Steinbrück seine Bezahlung in Stundenlohn umrechnet und dann jammert, ist bescheuert, keine Frage[2]. Dass Sie aber daraus schließen, er solle sich nach unten orientieren und sich mit Leuten in sittenwidrigen Arbeitsverhältnissen vergleichen, zeigt diese dumm-gefährliche deutsche Mentalität, die sich in zwanzig Jahren gebildet hat.

Und es zeigt, dass auch Sie den Politikern aus dem (fälschlicherweise) sogenannten bürgerlichen Lager auf den Leim gegangen sind. Auch Sie lassen sich einreden, es würde auch nur ein Stundenlohn steigen, wenn die DAX-Vorstände keine Millionen, sondern nur noch Hunderttausende verdienten. Das ist Blödsinn.

Der einzige Weg, (auch geringqualifizierte) Arbeit wieder existenzsichernd zu gestalten, ist die gesellschaftliche Inanspruchnahme des Kapitals. In den letzten zwanzig Jahren wurden die Kapitalerträge immer und immer wieder steuerlich entlastet, um angeblich international wettbewerbsfähig zu bleiben. Das Resultat ist eine Gesellschaft, in der meine Verbindlichkeiten sinken, je kleiner der Anteil an sozialabgabenpflichtiger Arbeit an meinem Einkommen ist. Das schädigt die kleineren und mittleren Unternehmen mit hohem Personaleinsatz und nützt nur Konzernen und Banken.

Also wettern Sie doch bitte gegen Hungerlöhne, gegen die Verlagerung der Sozialabgaben auf die Arbeitnehmer, gegen Steuerschlupflöcher für internationale Konzerne oder gegen die asozialen Geschäftsmodelle der Investmentbanken.

Aber lassen Sie bitte diese Neiddebatte. Die lenkt doch nur von den wahren Ursachen ab. Und der so nützliche Zorn wird vergeudet.


  1. [1]Und Peer Steinbrück will ich da gar nicht ausschließen
  2. [2]Wobei ich (ja, auch das ist eine alte Leier) zu bedenken gebe, dass der öffentliche Dienst nicht gerade aufgrund seiner üppigen Gehaltstruktur Gefahr läuft, durch das Abschöpfen der besten Köpfe die deutsche Industrie ausbluten zu lassen.

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