Rechts wohnt der Bauer, und wo der Bauer wohnt, kann nicht Panama sein.

Mein Kommentar zum Beitrag “Wie schön ist Panama?” aus der Reihe “Mit 80.000 Fragen um die Welt”:

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich mich fühlte, als ich erkannte, dass dies einmal kein Karibik-Kreuzer-Kaffeeplantagen-Beitrag werden sollte.

Wer wie wir hier versucht in Panama sich eine Existenz mit Kopf und Händen aufzubauen, kann nämlich dieses dauernde Schönwettergewäsch und die Istdochallesnichtsoschlimmhaltung kaum mehr ertragen. Doch – es ist alles so schlimm. Es ist noch zehnmal schlimmer als man es in diesem kurzen Beitrag zeigen kann. Und es wird immer schlimmer. Ich kenne Panamaen, die nach wenigen Jahren aus Europa zurückkamen und entsetzt waren, dass es noch weiter bergab gehen konnte. Panama-Stadt hat in zwei Jahren mehr Hochhäuser gebaut als Manhattan in zwanzig und mehr Verkehrstote als ganz Deutschland.

JA, die meisten meiner Lebensmittel kosten 5% oder gar 0% MwSt, aber halt auch nur die Lebensmittel. Eine höhere Luxussteuer gibt es nämlich auch hier und die macht genauso wenig Sinn wie in Deutschland. Viele Dinge des normalen Bedarfs (zum Beispiel ein gesundes Kinderbett, Literatur und Schulbücher) sind so aberwitzig teuer, dass ein Großteil der Bevölkerung ohne auskommen muss. Plastiksachen und Dekoartikel bekommt man dafür zigfach hinterhergeschmissen und genau da findet man sie dann auch: hingeschmissen auf der Straße oder im Fluss.

JA, wer einen zwei Meter hohen 15-Liter-Pickup fährt, zahlt kaum Steuern und Versicherung. Ein umweltfreundlicher und sicherer Kleinwagen kostet aber schon beim Händler mehr als der nächstgrößere SUV der selben Marke. Und Benzin ist so unverantwortlich billig, dass man es sich jeden Tag in nicht enden wollenden Stauorgien um die Ohren bläst – natürlich ein jeder allein in seinem Hilux. Währenddessen quälen sich die Armen und Menschen wie ich, die den Blödsinn nicht mitmachen wollen, in vollgestopften ausgemusterten 70er-US-Schulbussen auf dem Standstreifen an der Groteske vorbei.

JA, es gibt kaum feste Steuern – weder für Arbeitnehmer noch für Unternehmer. Dafür gibt es aber einen ekelhaft aufgeblähten Regierungsapparat, der ständig wächst, und im Gegenzug praktisch keine soziale Sorge. Jeder Behördengang dauert ewig und kostet sagenhaft hohe Gebühren. Vielleicht dauert mancher nicht ganz so ewig, wenn man etwas auf die Gebühren drauflegt. Ich zahle nur das, was auf der Quittung steht und werde dafür zuverlässig mies und nachrangig behandelt. Ich kann (noch halbwegs) ausharren, bloß das gute Spiegelbild am Morgen geht halt keine Brötchen holen, weshalb die meisten sich wohl solche Aufrichtigkeit nicht leisten können.

Bei der Unterhaltung mit dem Vizeminister habe ich laut lachen müssen, obwohl man eigentlich heulen sollte. Denn die Politiker aus allen größeren Parteien reden tatsächlich nicht nur alle so wie jener, sondern sind auch noch davon überzeugt, dass das als politische Leistung vollkommen ausreicht. Und so ersetzen bunte Schilder mit Ankündigungen und teils dreisten Lügen einfach

  • öffentliche Verkehrsmittel (Die einzige Bahnlinie transportiert? Container und Touristen)
  • Umweltschutz (”Die Küstenreinigung ist Fakt.” steht auf Schildern am Pazifik, danebenschwimmen Tonnen von Müll zwischen Straße und Hochhauskulisse)
  • den Kampf gegen organisierte Kriminalität (Warum brennen bloß in den ganzen Luxuswohntürmen nachts keine Lichter?)
  • das Gesundheitssystem (in den Armenspitälern stapeln sich die Patienten, die sich noch nicht einmal die staatliche Versicherung leisten können oder nicht zugelassen werden, während das Ministerium in teuren, lateinamerikaweiten Fernsehspots von vollwertiger Ernährung schwafelt)

sowie jeder andere Anflug von demokratischer Daseinsvorsorge. Als die USA die Kanalzone verlassen haben, haben sie ihr Rechtssystem mitgenommen; ihr ganzer Kulturmüll ist geblieben.

Es wird viel Kraft und Bildung benötigen, wenn dieses Land nicht in den nächsten fünf Jahren kollabieren soll.

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