Sie haben es ja nicht anders gewollt

Sehr geehrte Damen und Herren,

in der Sendung “Solitary” im Programm des Senders Pro Sieben werden Kandidaten Prozeduren ausgesetzt, die als Folter und Androhung von Folter gewertet werden müssten, geschähe ihre Durchführung nicht einvernehmlich.

Während dies keinen Rückschluss auf eventuelle Vergehen der Betreiber der Sendung gegenüber den Kandidaten zulässt, sehe ich sehr wohl ein Vergehen der Betreiber gegenüber den (insbesondere minderjährigen) Zuschauern, da Folter, Erniedrigung und Gewalt gegen sich selbst verherrlicht werden. Dem Zuschauer wird klar signalisiert, Persönlichkeitsveränderung durch Selbstverletzung und das Ertragen von z.B. Schlafentzug seien gesellschaftlich erwünscht, das Aussteigen aus der Foltersituation unerwünscht und Folge persönlicher Schwäche. Diese Tatsachen wiegen für mich so schwer, dass sie nicht durch eine Ausstrahlung nach 23 Uhr geheilt werden könnten, weswegen mir eine Einstellung des Formates die einzige Lösung scheint.

In der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es:

[...] da die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen,[...]

da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen,

[...] da ein gemeinsames Verständnis dieser Rechte und Freiheiten von größter Wichtigkeit für die volle Erfüllung dieser Verpflichtung ist,

verkündet die Generalversammlung

diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal, damit jeder einzelne und alle Organe [...] sich bemühen, durch Unterricht und Erziehung die Achtung vor diesen Rechten und Freiheiten zu fördern und durch fortschreitende nationale und internationale Maßnahmen ihre allgemeine und tatsächliche Anerkennung und Einhaltung durch die Bevölkerung der Mitgliedstaaten [...] zu gewährleisten.

Folgt man diesen Worten stringent, so behindert die verherrlichende Darstellung der Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte (insbesondere in der Erziehung) und damit der Würde des Einzelnen konsequenterweise die tatsächliche Anerkennung und Einhaltung. Somit erzieht diese Sendung Minderjährige wie Erwachsene zur Duldung von Verbrechen gegen den Menschen und fordert indirekt dazu auf, anderen gegenüber durch Vorleben diese Duldung als die gesellschaftlich gewünschte Reaktion zu propagieren.

Bei einer rein fiktionalen Produktion reicht diese Tatsache nicht zu einem Sendeverbot. Durch die klare Distanzierung zur Realität, derer Erwachsene fähig sein sollten, müsste aber wohl eine Altersklassifizierung ab 18 Jahren vorgenommen werden. Ich bin mir auch sehr sicher, dass dies bei einem Film mit solchen Inhalten und solcher Ansprache der Fall wäre. Bei einer Samstagabendshow, in der die Kandidaten wirklich teilnehmen und nicht nur Schauspieler eine Situation darstellen, ist diese Distanzierung prinzipiell nicht gegeben, da Menschen dort wirklich gelitten haben. Der rote Knopf, dessen Betätigung und damit die selbstständige Befreiung aus einer Foltersituation von den Sendungsmachern eindeutig als Schwäche und Nonkonformität ausgewiesen wird, ist real vorhanden, der Schlafentzug durch regelmäßiges Aufwecken eben nicht das Resultat des Schnitts von gespielten Szenen, sondern tatsächlich.

Ich fordere Sie hiermit auf, darzulegen, warum diese Sendung nicht zur Prüfung vorgelegt wurde (jedenfalls ist dies nicht ersichtlich) und ob Sie in diesem Fall Ihre Pflichten gegenüber dem Zuschauer gemäß Jugendmedienschutz-Staatsvertrag als erfüllt ansehen.

Dieser Brief richtet sich sowohl an die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) als auch an die Kommission für Jugendmedienschutz, die auch das Recht hat, Sendungen der FSF zur Prüfung vorzulegen, wird in Kopie an die deutsche Sektion von Amnesty International weitergeleitet und ist auf vonfernseher.de offengelegt.

+++ Nachtrag: Nachdem mir die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) zumindest schon einmal die Nummer der Prüfentscheidung mitgeteilt hat, warte ich nunmehr auf die Antwort der FSF, die ich gebeten hatte, denn auch den Wortlaut der Entscheidung preiszugeben. Vielleicht werden wir bald neben einer Nummer auch die Gründe kennen, warum eine solche Sendung ohne Einschränkung für das Tagesprogramm freigegeben wird. +++

+++ Nachtrag 2: Die FSF sieht eine weitere inhaltliche Begründung als nicht notwendig an und verweist auf den Auszug aus der Entscheidung, der mir schon am 29. Juli zuging. Genau dieser Auszug aus der sogenannten Begründung, der über die inhaltlichen Beweggründe nicht mehr verrät als dass man so entschieden hat, weil man so entschieden hat, war eigentlich der Anlass von mir, noch einmal nachzuhaken, da ich mich mit so etwas Oberflächlichem nicht zufrieden geben wollte. Dass die FSF meint, damit sei der Begründung genug, sagt ja aber auch etwas über die FSF aus, finde ich.+++

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