VonFernSehTag {1}

➢ zu allen gebloggten VonFernSehTagen

Da sich bei mir immer wieder größere Mengen an Fernsehsendungen und Videopodcasts ansammeln, weil man das ja alles noch unbedingt gesehen haben will, schiebe ich dann und wann, wenn die Zeit es erlaubt, einen Tag vor der Glotze[1] ein, um dem Stapel etwas von seiner angsteinflößenden Höhe zu nehmen. (In Wirklichkeit wird der natürlich trotzdem immer noch höher, aber die Illusion ist Teil des Rituals.) Heute werde ich das Ganze zum ersten Mal in meinem Blog begleiten.[2] Das hat vor allem zwei Gründe:

  1. Ich möchte die Beiträge empfehlen und nachher auch bewerten, auf dass eure Stapeln wachsen. Und natürlich freue ich mich selbst auf weitere Empfehlungen (ich weiß: schizo für den Stapel). Hoffentlich finde ich die eine oder andere neue Videopodcast-Perle oder zumindest ein paar neue Sendungen.
  2. All den GEZ-Gegnern möchte ich einmal zeigen, was sie vielleicht nicht mitbekommen und was wirklich den Kern des ÖR ausmacht. Anders als oft behauptet ist das nämlich kein reiner Mix aus Betroffenheitsrinne, miesen Spielshows und Humptata. Die meisten meiner deutschen Fernseh-Höhepunkte stammen immer noch von den ÖR. Schade nur, dass wahrscheinlich so mancher Link hier dann bald ins Nirvana führt. Gegen Depublizieren hilft nur das Hamstern daheim.

Film ab!


1. Horst Evers – Schwitzen ist, wenn Muskeln weinen {3sat: Kabarett} 26min ★★★★☆

Wie’s mir vorkommt: Los geht es mit etwas nicht ganz so Ernsthaften, zum Öffnen der Synapsen sozusagen. Kenne noch recht wenig von Horst Evers, aber es wird wohl deutlich geistreicher als der Titel. Verlinken kann ich es leider nicht, weil es – wohl wegen Programmänderungen – just heute wieder aus der Mediathek verschwunden ist.[3] Wenn es wieder kommt, dann wird wohl hier hoffentlich ein Sendetermin stehen.

Wie’s war: Na das fängt ja gut an. War wirklich sehr viel geistreicher als der etwas lahme Titel vermuten lässt und hat 26 von 26 Minuten Spaß gemacht. Da lohnt sich mit Sicherheit auch der komplette Abend. ★★★★☆

2. Burlesque auf St. Pauli {ZDFtheaterkanal} 26min ★★☆☆☆

Wie’s mir vorkommt: “Originalität anstelle gängiger Schönheitsideale” verspricht der Aufreisser, “ein Spiel mit Geschlechterrollen und sexuellen Klischees”. Mal sehen, ob ich über das Spiel mehr als üblich erfahre. Ich muss nämlich zugeben, dass sich mein Wissen über Burlesque recht vollumfänglich mit “Ach, da war doch die Dita Irgendwas da in der Riesenchampagnerschale, die immer sagt, es sei Kunst und nicht nur Striptease” beschreiben lässt. Und ich wette, da bin ich nicht alleine. Ein Film von Henrike Sandner

Wie’s war: Leider kommt der Film auch nicht wirklich über Geschichtsschmonzette und ein paar Klischees hinaus. (Wer hätte das gedacht: “Schönheit ist keine Frage des Alters”, “Sexy sein kann man auch, wenn man Muskeln spielen lässt.”,”Die Frauen in der Burlesque-Szene sind so unterschiedlich wie die Szene selbst.”) Schade, denn “Die Verpackung macht den Unterschied” oder “nackt, aber ironisch” reicht mir nicht zur Erklärung des Phänomens der Faszination. Kurzweilig, aber auch nicht mehr. ★★☆☆☆

3. Das Diesel-Rätsel {ZDF: Terra X} 43min ★★★☆☆

Wie’s mir vorkommt: Das Leben von Rudolf Diesel war nicht das des berühmten Erfinders wie bei Daimler. “Er wagt gefährliche Experimente und gerät ins Fadenkreuz der Macht – bis er eines Tages auf merkwürdige Weise verschwindet”, kommt es gleich am Anfang betont bedeutungsschwer aus dem Off. Ein Film von Christian Heynen

Wie’s war: Auch wenn der Sprecher (Jürg Löw) mit seiner bemüht wichtigen Stimme nervt, schafft der Film insgesamt die richtige Stimmung, bleibt spannend und erzählerisch dicht. Und nebenbei kann man noch manches aus Technik, Geschichte und Globalisierung lernen (oder wieder auffrischen). Solide, informativ und trotzdem spannend. ★★★☆☆

4. Die Stieg Larsson Story {ZDF Doku} 44min ★★★★☆

Wie’s mir vorkommt: Mysteriös und düster geht es weiter. Der Journalist und Krimiautor Stieg Larsson verarbeitete seine Recherchen in den Romanen um Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander. Und er recherchierte gut. Ein Film von Martin Uhrmeister

Wie’s war: “Die Stieg Larsson Story” ist vor allem auch eine Schwedenstory. Wer, wie ich, die schwedische neuere Geschichte nur grob kennt, entdeckt Zusammenhänge. Sehr informativ und gut erzählt. Nur über die Montage müssen wir noch mal reden. ★★★★☆

5. Irak: Wer verdient die Petrodollars? {arte Reportage Podcast} 22min ★★★☆☆

Wie’s mir vorkommt: Ob Saddam Hussein, die USA, Al-Quaida oder die Zentralregierung: Die Clans in der Provinz Ansbar im Westen des Iraks wollen sich nicht übervorteilen lassen, sie paktieren und vertreiben. Beim Öl und Gas hört die Freundschaft auf.

Wie’s war: Sehr viel Hintergrund für ein so kurzes Stück und das meiste davon war in keiner Nachrichtensendung. So wie sich das für eine arte-Reportage gehört. Nur die Analyse der innerirakischen Politgeflechte bleibt oberflächlich, aber es sind halt nur 22 Minuten. Gehaltvoll und trocken, aber nicht besonders süffig. ★★★☆☆

6. Jagd nach dem Urmeter {ZDF: Terra X} 43min ★★★☆☆

Wie’s mir vorkommt: Ein weiterer Film aus der Terra-X-Reihe “Geniale Forscher und Erfinder”. Der Titel ist ja selbsterklärend. Ein Film von Axel Engstfeld.

Wie’s war: Aufwendig gestalteter Dokufilm, der die Ereignisse gut in das Zeitgeschehen einordnet. Es fehlt etwas an Tiefe. Dafür hat Sprecher Jürg Löw seine Sache diesmal wesentlich besser gemacht. Warum die schwarzweißen Versatzstücke aus irgendeiner Degenklamotte allerdings sein mussten, weiß ich nicht. Solide Terra-X-Ware, spannend und informativ ★★★☆☆

7. Dawn Porter unter Polygamisten {ZDFneo: Dawn Porter, Folge 3} 47min ★★★☆☆

Wie’s mir vorkommt: Ich habe mich zugegeben schon auf diese nächste Folge gefreut und die wäre wohl kaum lange auf dem Stapel liegen geblieben. Das liegt jetzt nicht so sehr am Thema der Folge, sondern daran, dass mir der Stil der ersten beiden Folgen sehr gut gefallen hat. Was nämlich so oberflächlich klingt, geht teilweise sehr tief in die Verhältnisse, ohne aber dabei den Beobachteten weh zu tun. Hohe Erwartungen also.

Wie’s war: Im eigentlichen vierten und letzten Teil der Channel-4-Miniserie[4] geht es deutlich feindseliger als in den ersten beiden zu. Mit Sicherheit trägt das auch dazu bei, dass der Film den Charakteren nicht wirklich nahe kommen kann. Dennoch gelingt ein seltener und erkenntnisreicher Einblick in diese eigene Welt. ★★★☆☆

8. Albtraum im Märchenland – Moderne Arbeitssklavinnen in Dubai {WDR: die story Podcast} 44min ★★★★★

Wie’s mir vorkommt: Harter Schnitt. “Trungo ist 23 und hat noch nie in ihrem Leben in einem Flugzeug gesessen. Jetzt fliegt sie von Äthiopien nach Dubai – auf der Suche nach einer besseren Zukunft.” Ein Film von Edgar Wolf, Eva Grün und Adamna Adim

Wie’s war: Die (Bilder-)Sprache erinnert mich an die Schulfilme über Afrika damals, ein sehr sachlicher, lehrender Ton. Der Stil ist sehr ansprechend, die Informationen bleiben so gut hängen. Das muss auch so sein, denn der Stoff an sich ist intensiv und erschütternd genug. Ein Film, der qualitativ deutlich aus der WDR-Reihe herausragt. Unbedingt empfehlenswert. ★★★★★

9. Kleinwasserkraftwerke – Renaissance der Wassermühlen? {3sat: hitec} 29min ★★★☆☆

Wie’s mir vorkommt: Nicht nur für die Mühlen klingt das nach einer neue Chance, sondern auch für die dezentrale, regenerative Stromversorgung. Mal sehen, was Peter Rutschmann von der TUM zu erzählen weiß.

Wie’s war: Recht informativ, aber wohl eher etwas für Leute mit nur grundlegenden technischen Vorkenntnissen. hitec bringt auf den neuesten Stand und gibt einen verständlichen Ausblick. Besseres Mittelfeld ★★★☆☆

10. GAU in Japan {WDR: Quarks & Co Podcast} 42min ★★★☆☆

Wie’s mir vorkommt: Zum guten Schluss für heute (denn gleich geht mir der Tag aus) was Aktuelles, sozusagen LIFO vom Stapel runter. Mit seinen Textmarker-Brennelement-Erklärungen hat mich Ranga Yogeshwar nicht gerade vom Hocker gehauen, der kann das eigentlich besser. Ich bin leicht skeptisch bis gespannt.

Wie’s war: Soso, die böse Technik, die sich gegen uns wendet und die 50 Helden im Kraftwerk. Die Chronologie am Anfang war in Ordnung, die besten Beiträge aus früheren Folgen. Die Erklärungen zum aktuellen Zustand fand ich etwas dürftig und ein Szenario, was denn in Fukushima noch passieren kann, gab es nicht. Was die Animation am Ende sollte und warum man das nicht in einem Film darstellen hätte können, wird mir wohl ein Rätsel bleiben. Der nett animierte Film zu den Liquidatoren zieht die Sendung über die Hälfte. Wenig aktuell, aber gute Grundlagen. ★★★☆☆


Fazit

Ich fühle mich bestätigt: Die Informationssparte der ÖR ist viel besser als ihr Ruf. Auch wenn das keine repräsentative Auswahl war – denn offensichtlichen Mist lade ich mir nicht auf den Stapel – finde ich das Ergebnis von 34 von 50 Sternen erfreulich. Auf meinem Stapel liegen aktuell no ca.74h ungesehene ÖR-Beiträge, jeden Tag kommen etwa 3h mehr dazu, als ich schaue. Das Angebot insgesamt ist aber viel größer, die ÖR-Podcasts stellen alleine täglich mehr als 24h Material zur Verfügung. Um meinen Stapel muss ich also erst einmal keine Angst haben.


  1. [1]im übertragenen Sinne
  2. [2]Damit das Ganze auch Spaß macht, gibt es dann nur zwischen den Filmchen hier die Aktualisierungen. Und weil ich noch versuchen werde die passenden Links rauszusuchen, kommt nach einem halbstündigen Film nicht schon nach 30min 5s der nächste.
  3. [3]Für solche Anfälle kreativen Depublizierens empfehle ich für Mac-Besitzer dieses Mediathekprogramm. Und für alle in den ländlichen Gebieten, wo man viele Dinge vielleicht gar nicht sehen könnte, weil die Verbindung nicht reicht, gilt diese Empfehlung ganz besonders. Ähnliches gibt es, auch wenn nicht ganz so toll, auch für Windows und Linux.
  4. [4]ZDFneo hat bei der deutschen Fassung die Reihenfolge anscheinend geändert

Kommentare zu "VonFernSehTag {1}"

  1. “All den GEZ-Gegnern möchte ich einmal zeigen, was sie vielleicht nicht mitbekommen und was wirklich den Kern des ÖR ausmacht. Anders als oft behauptet ist das nämlich kein reiner Mix aus Betroffenheitsrinne, miesen Spielshows und Humptata. Die meisten meiner deutschen Fernseh-Höhepunkte stammen immer noch von den ÖR.”

    Allen Gegnern hoher Kraftstoffpreise möchte ich mal entgegen halten, wie schön doch Autofahren sein kann.

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