ZDF heuchel journal

Oder: Zum Überwachungsstaat brauche ich nur Bild, BamS und Kleber.

Sehr geehrte Herren Kleber und Theveßen,

ich bin enttäuscht, hatte ich Sie doch gebeten mir Bescheid zu geben wenn die Umwandlung des einst renommiertesten Nachrichtenjournals in eine Boulevardsendung fertiggestellt sei. Sie waren wahrscheinlich auch zu sehr mit der Umstellung beschäftigt, gab ja auch einiges zu tun: Witwenpressen kaufen, Phrasen dreschen, journalistische Grundsätze über Bord werfen,…

Aber nett wäre so eine Vorwarnung doch gewesen. Vielleicht ein kleiner Tweet: “#ZDF Ab #heute Skandale & Terror noch knalliger!” Oder was auf Facebook: “Weniger Journalismusquatsch, mehr Fun! – Klaus Claus[1] und Elmar gefällt das.” So bin ich – wie wahrscheinlich viele andere – am Anfang tatsächlich noch davon ausgegangen, es handele sich um die Nachrichtensendung, die da früher auf diesem Platz lief.

Folgende Zitate alle aus dem heute journal vom 3. März

Der junge Mann, der gestern […] zwei amerikanische Soldaten erschoss und zwei weitere lebensgefährlich verletzte, stieg einfach in einen Bus des Militärs und begann zu schießen. Wäre das zu verhindern gewesen? […] Der Mann hat nämlich lange vor der Tat seine Überzeugungen und seinen Hass ins Internet geradezu reingebrüllt. Warum hat das niemand registriert?

Guter Einstieg. Wo ist Big Brother, wenn man ihn mal braucht?

Er kennt das Kommen und Gehen, jede Ecke des Frankfurter Flughafens; das Terminal ist sein Arbeitsplatz. Arid U. jobbt in der Poststelle.

Er kennt den Westen wie seine eigene Hosentasche. Er wird dich finden, egal wo du dich versteckst, er spürt dich mit jeder Zelle seines Körpers. Er ist: der Mann von der Post.

In aller Ruhe kundschaftet er den späteren Tatort aus. In seinem polizeilichen Führungszeugnis stehen keine Vorstrafen. Niemand weiß, wer er wirklich ist.

Na, zumindest das kann man ja jetzt als Boulevardklitsche ändern. Aber dazu später.

Der Flughafen hat 17.000 Mitarbeiter, unzählige Besucher. Kann man jeden Einzelnen kontrollieren? Auf diese Frage bekommen wir keine oder nur ablehnende Antworten.

Geschickt! Das Hilfsverb geht direkt über die Frage nach dem Wollen oder Sollen hinweg und macht daraus einen Aspekt der technischen Möglichkeiten. Das ist ja fast schon Springerniveau. Sie lernen schnell! Da hören wir auch schon den Fachmann von der Polizei einschätzen:

Wenn Sie jeden Passagier, der hier durch die Türen rein- und rausgeht, kontrollieren wollen, dann legen Sie irgendwann den Flughafen lahm.

Und ich dachte immer, die Passagiere (kleiner Tipp: Das sind die, die entweder durch die Tür rein-, aber nicht mehr rausgehen oder umgekehrt.) würden alle kontrolliert. Und ich dachte der Mann hätte am Flughafen gearbeitet. Und er hätte draußen vor der Tür, durch die alle rein- und rausgehen, geschossen. Und Militärbusse, dachte ich, dürften gar nicht durch Abfertigungshallen fahren. Aber ich denke zuviel, nachher katapultiere ich mich noch selbst aus der Zielgruppe.

In den USA schägt das Attentat hohe Wellen. Man fürchtet die zunehmende Zahl junger, muslimischer Fanatiker in Deutschland. Präsident Obama persönlich verspricht Aufklärung.

Und die Zahl junger, muslimischer Attentäter in Deutschland hat sich im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar infinitiv gesteigert! Nur an der Satzstellung müssen Sie noch arbeiten. Auf Boulevardistisch muss es natürlich richtig heißen: Jetzt verspricht sogar Obama (49, Präsident) persönlich Aufklärung!

Ach, da war ja noch was:

Hier, in diesem Haus in Frankfurt [Schwenk über das Haus, vfs] hat Arid U. gewohnt. Er stammt aus dem Kosovo, lebt seit sechzehn Jahren in Deutschland. Sein Vater erzählt uns, Arid sei kein Fanatiker; die Nachbarn kennen ihn als höflichen jungen Mann. [Nachbarin:] “Also, das war ganz einfach ein ganz normaler Junge, ganz lieber und netter Junge, vielleicht bisschen zurückgezogen, bisschen ruhig, aber ganz einfacher Junge.”

Zurückgezogen, hm? Schade, sonst hätte man vielleicht ja noch seine Lieblingsmüslisorte herausfinden oder ein paar Freunde aus dem Haus befragen können. Im Anschluss wird übrigens noch ein Portrait gezeigt, natürlich unverpixelt. Ist aber für Boulevard vollkommen in Ordnung so, Sie haben ja den Nachnamen abgekürzt.[2]

Das Internet zeigt ein anderes Bild. Erst vor wenigen Tagen ändert Arid U. seinen Facebook-Profilnamen – er heißt jetzt Abu Reyyan, ein islamistischer Kampfname – und postet den Link zu einem dschihadistischen Lied. Den Behörden bekannte Hassprediger gehören zu seinen Kontakten…[3]

Das Internet zeigt ein anderes Bild und dann darf man sich das natürlich gerne aneignen. Nächstes Mal für den nervenden Justitiar aber einfach noch ein “Quelle: Internet”[4]  hinzufügen.

Seine Facebookseite ist offen zugänglich, als wollte Arid U. aller Welt erzählen, wer er wirklich ist, was er denkt. Aber niemand hat es rechtzeitig gehört und eine Verbindung zum Frankfurter Flughafen hergestellt.

Das ist – hier will ich enden, obwohl die Sendung keinen Anlass dazu gibt – zwar schon schön suggestiv, aber für Ihre neue Zielgruppe wohl noch etwas subtil. Wie wäre es denn mit einer Online-Umfrage? Etwa so:

Soll die Polizei alle Facebookseiten vorsorglich überwachen, damit solch eine Greueltat nie wieder vorkommen kann?

  • Unbedingt. Das Netz darf kein rechtsfreier Raum sein!
  • Klar. Ich habe meine schon unaufgefordert an Herrn Friedrich gesendet, denn man muss mit gutem Beispiel voran gehen.
  • Ja. Wofür zahle ich denn Steuern?
  • Natürlich. Denkt denn keiner an die Soldaten? Das sind schließlich auch Kinder von irgendwem.
  • Nein. Wir brauchen unsere Experten für Twitter und Islamforen.

Da wären Sie selbst drauf gekommen? Glaubt Ihnen aufs Wort:

Ihr auf die Ufos und süßen Katzenbabys wartender

VonFernSeher

Nachtrag:

Sehr gut, das heute-journal hat sich technisch endgültig in die Springerliga gespielt. Am 8. März gab es Familienplausch mit Kamera und den längst überfälligen Vergleich mit Winnenden. Nur die Buchstaben sind immer noch so klein und die Frauen so angezogen.

Mit den Erinnerungen lässt sich die Frage nicht beantworten, warum ein normaler Junge zum Terroristen wurde – hier, mitten in Deutschland.

Macht ja nichts, kann man ja aber trotzdem zeigen. Und am Ende zwitschert ein Vögelein.[5]


  1. [1] Das hätte nicht passieren dürfen.
  2. [2] Auf der Webseite machen Sie sich diese Mühe allerdings nicht.
  3. [3] Schade, dass es sich – wie man heute auch bei heute zu wissen glaubt – wohl doch eher um einen Einzeltäter und nicht um eine islamistische Vereinigung handelt. Aber was so ein richtiges Boulevardmedium ist, lässt sich nicht durch Tatsachen die Story verhageln, das wissen Sie doch.
  4. [4] Ebenfalls auf der Webseite steht unter dem Bild einfach “facebook”, weil ja bekanntlich Mark Zuckerberg & seine Nachfolger zu jedem Kunden persönlich nach hause fahren und ein Foto machen.
  5. [5] Kein Scherz. Jedenfalls nicht von mir.

Kommentar schreiben

Kommentare von nichtregistrierten Benutzern werden grundsätzlich moderiert. Bitte haben Sie Verständnis, dass dies eine Weile dauern kann. Beachten Sie dabei auch den Zeitunterschied; alle Uhrzeiten werden als GMT-5 angezeigt.
Mit dem Ausfüllen und Abschicken des Kommentarformulars erklären Sie sich einverstanden, dass Ihre Kommentare durch die Erweiterung Akismet überprüft werden. Dies macht eine Weitergabe der Daten an die Automattic Inc., den Anbieter von Akismet, notwendig; mehr erfahren Sie hier.

Die E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt. Felder mit * müssen ausgefüllt werden.

*

*